Adjuvante mikrobiologische Therapie mit Minocyclin

 

Minocyclin

nutzt den Zusammenhang zwischen Immunsystem und affektiven Störungen

Die Rationale

Etwa ein Drittel aller depressiven Patienten reagiert nicht auf Antidepressiva, die ja in den Mechanismus der Bio-Botenstoffe (Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, Melatonin) eingreifen. Bei einigen dieser „therapieresistenten“ Patienten vermutet die neueste Forschung, dass bei ihnen das Immunsystem aus dem Gleichgewicht geraten ist, dass Entzündungen die Depressionen auslösen, unterhalten und verstärken. Seelisches Leiden könnte also viel körperlicher sein und das Immunsystem mehr Macht über unsere Seele haben als gedacht. Seit den 90er-Jahren wissen wir, dass es verschiedene Pfade gibt, über die das Immunsystem unsere Psyche zu modulieren vermag, dass Entzündungen unsere Emotionen mitbestimmen. Hier sehen wir die Chance für neue Medikamente gegen Depressionen.

Antibiotikum

Sobald Erreger (Viren oder Bakterien) in unseren Körper eindringen, startet das Immunsystem eine Entzündungsreaktion. Es ist auch gesichert, dass Entzündungsreaktionen umso größer sind, je stärker das Gehirn Stress ausgesetzt ist.

Die Immunzellen produzieren bestimmte Eiweiße, die Zytokine. Einige lösen Entzündungen aus. Andere sorgen dafür, dass sie wieder abklingen, sobald die Erreger beseitigt sind. Wenn dieses Abklingen aber nicht gelingt, dann kann es über diese kleinsten Entzündungen („silent inflammations“) zu Depressionen kommen. Die Immunzellen des Gehirns produzieren daraufhin ebenfalls Entzündungsstoffe und legen damit Antrieb und Stimmung lahm. Der Körper schaltet auf Krankheitsmodus: Desinteresse, Appetitlosigkeit, sozialer Rückzug, Symptome, die denen einer Depression sehr ähnlich sind.

Das Antibiotikum Minocyclin zeigt neben seiner antibiotischen Wirkung neuroprotektive und anti-entzündliche Effekte. Minocyclin ist ein Medikament, das in Deutschland seit vielen Jahren aufgrund seiner antibiotischen Wirksamkeit gegen Infektionen (z.B. Akne oder Infektionen der oberen Atemwege) zugelassen und breitflächig eingesetzt wird. Es zeichnet sich durch eine sehr gute Verträglichkeit aus. Man weiß, dass es antientzündlich wirkt, das Gehirn erreicht und dort neuroprotektiv (nervenzellschützend) wirkt.

Es wäre aber recht verwegen, unseriös und unkritisch, würden wir auf bloßen Verdacht hin bei einer Depression gleich antibiotisch behandeln, nur weil bekannt ist, dass Depressionen auf diesem Wege entstehen können. Deshalb führen wir vor der Minocyclin-Behandlung immer einen sogenannten „Silent-Inflammation-Check“ durch. Er erfasst über eine Analyse im Blutserum des Patienten niedriggradige, systemische Entzündungen, deren Hauptauslöser, die Lipopolysaccharide (LPS) der Bakterien und Veränderungen im Tryptophan-Stoffwechsel als negative Folge der stillen Entzündung sind.

Der Silent Inflammation Check –

Diagnostik an der Schnittstelle zwischen Körper und Psyche

Wir halten fest, dass chronische, häufig über viele Jahre bestehende subklinische Entzündungen den Weg ebnen können zur Entstehung einer Depression. Triggerfaktoren dafür können sein: Umweltgifte, Zigarettenrauch, übermäßiger Alkoholgenuss, Verwendung bestimmter Schmerzmittel (vor allem NSAIDs wie Diclofenac und Ibuprofen), chronisch ballaststoffarme Ernährung. Begünstigend wirken Übergewicht, insbesondere im Rahmen eines metabolischen Syndroms, chronischer (Dys-)Stress (mit seiner immunsuppressiven Wirkung), Parodontitis und chronischer Schmerz.

All das führt zu einem sogenannten „leaky gut“, einem durchlässigen Darm, einer „Eintrittspforte für mikrobiologischen Ärger“. Unser Körperinneres ist dann einer Fülle von Schadstoffen, Allergenen und bakteriellen Zerfallsprodukten ausgesetzt.

Durch die Entzündung und die in diesem Kontext freigesetzten Entzündungsmediatoren (TNF-α, IL-6) kommt es zu einer verstärkten Aktivität des Enzyms IDO, unter dessen Einfluss es zum Abfall des Tryptophanspiegels kommt (Tryptophan ist die biochemische Vorstufe von antidepressivem Glückshormon Serotonin und dem Schlafhormon Melatonin) und gleichzeitig zum Anstieg von Kynurenin (das seinerseits Ausgangsprodukt ist für die Synthese zweier neurotoxischer Substanzen (Quinolinsäure und 3-Hydroxykynurenin). Fazit: depressive Zustände und Schlafstörungen sind die Folge.

Mit Hilfe des „Silent-Inflammation-Checks“, den wir in Zusammenarbeit mit einem hochspezialisierten Institut für mikrobiologische Analytik durchführen lassen, weisen wir mittels Blutserum-Analysen auch feinste unterschwellige Entzündungen und die damit verbundenen Immun-Dysbalancen nach.

  • Zur Beurteilung der IDO-Aktivität bestimmen wir Kynurenin, Tryptophan und die Kynurenin-Tryptophan-Ratio
  • Zur Beurteilung der Entzündungsaktivität bestimmen wir das hochsensible, C-reaktive Protein (hs-CRP)
  • Zur Bestimmung der Immun-Belastung bestimmen wir die LPS-Antikörper mit den IgM-, IgG- und IgA-Fraktionen.

Kosten: Die privaten Krankenkassen übernehmen den Silent-Inflammation-Check in der Regel. Für gesetzlich versicherte Patienten steht er als Selbstzahlerleistung zur Verfügung. Sie rechnen direkt mit dem Mikrobiologischen Labor ab, erhalten über dessen privatärztliche Verrechnungsstelle eine Liquidation in Höhe von 128, 82 €.

Die Auswertung des Tests ermöglicht uns Aussagen darüber, ob bei Ihnen tatsächlich eine stille unterschwellige Entzündung vorliegt und wenn ja, an welchen Komponenten der Wirkkette gearbeitet werden muss: an der Keimreduktion (Minocyclin) oder Senkung der LPS-Last, an der IDO-Modulation (Curcumin, Berberin oder Quercetin), an der Tryptophan-Substitution (z.B. Ardeytropin), an der Entzündungshemmung (Vitamin C oder Gingko-Tebonin) oder daran, Grenzflächen zu stabilisieren.

Die Minocyclin-Behandlung

Die Sendung „Depression-neue Hoffnung“ von ARTE  

Einnahmemodus

Unser Behandlungskonzept sieht die Einnahme über 6 Wochen von jeweils täglich 2 x100 mg vor. Wir empfehlen, nach 3 Wochen Nieren- und Leberwerte zu kontrollieren.

Kosten

Die Medikamentenkosten belaufen sich auf ungefähr 50 €. Hinzu kommen die Kosten für den mikrobiologischen Test (wird direkt mit dem Labor abgerechnet) und die ärztlichen Honorare für Beratung, Untersuchung, Infusion, etc.

Mögliche Nebenwirkungen von Minocyclin

Zu Beginn der Behandlung kann Schwindel auftreten, manchmal begleitet von Benommenheit und Übelkeit. Das kann unter Umständen die Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigen. Die häufigsten Minocyclin-Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Manche Patienten reagieren allergisch auf das Antibiotikum (Hautjucken, schmerzhafte entzündliche Rötungen der Haut, Nesselsucht). Minocyclin sensibilisiert die Haut gegenüber UV-Strahlung, sodass es nach Sonnenexposition oder nach Solariumsbesuchen leicht zu Sonnenbrand kommen kann.

Wechselwirkungen

Minocyclin interagiert unter Umständen mit anderen Arzneimitteln. Das kann sowohl die Wirkung und Nebenwirkungen von Minocyclin als auch diejenigen anderer Arzneien verändern: so verstärkt das Antibiotikum zum Beispiel die Wirkung von Blutzuckersenkern, sodass dadurch die Gefahr einer Unterzuckerung besteht. Minocyclin steigert auch die Aufnahme des herzstärkenden Medikamentes Digoxin in den Körper. Die gleichzeitige Einnahme von Antazida (Medikamente gegen Sodbrennen), Eisenpräparate und Penicilline verringert die Wirkung von Minocyclin. Minocyclin kann auch dazu führen, dass die Einnahme des Asthmamittels Theophyllin zu Magen-Darm-Beschwerden führt. Bei gleichzeitiger Einnahme von Milch kommt es zur Wirkungsabschwächung.

Gegenanzeigen

Autoimmunerkrankungen wie Lupus erythematodes, Schwangerschaft, Stillzeit

Literatur [1-15]

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Wann führen wir keine Minocyclintherapien durch?

Bei Vorliegen einer schweren Begleiterkrankung, z.B. schweren Leber-, Nieren- oder Autoimmunerkrankungen.

Gibt es hochqualifizierte Kliniken, in denen Minocyclin zur Depressionsbehandlung eingesetzt wird?

Ja, im Rahmen einer multizentrischen Studie mit 160 Teilnehmern arbeiten mit Minocyclin zur adjuvanten und augmentativen Depressionsbehandlung die Psychiatrische und Psychotherapeutische Uniklinik Erlangen, die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg am Bezirksklinikum, die Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg, die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Göttingen, die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Aachen (RWTH Aachen) und schließlich die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Frankfurt.

Kann ich mich mit Minocyclin allein behandeln lassen?

Nein, wir setzen Minocyclin ausschließlich adjuvant und augmentatativ (zur Wirkverstärkung) im Rahmen eines multimodalen Konzeptes bei therapieresistenten Depressionen ein, die wir mit Neuromodulation und Ketamin behandeln.

Ist Minocyclin auf Kassenrezept zu bekommen?

Minocycin ist ein Antibiotikum und als solches in Deutschland zugelassen und kassenverordnungsfähig. In unserem Kontext, in der adjuvanten Behandlung von Depressionen, wird Minocyclin außerhalb des ursprünglichen Einsatzzweckes (off label) eingesetzt, wofür Minocyclin keine Zulassung hat. Der off label use ist legal, wenn er als Heilversuch verwendet wird und der Gebrauch zweckmäßig erscheint. Das Haftungsrisiko geht auf den Patienten über, wenn dieser dem Arzt gegenüber schriftlich erklärt, dass er über den off label-Gebrauch ausführlich aufgeklärt wurde und den Arzt von der Haftung befreit, was zum Beispiel im Falle des Auftretens einer Allergie bedeutsam werden könnte.

Führen Sie Minocyclin-Behandlungen nur nach vorherigem Silent-Inflammation-Check durch?

Ja, das ist korrekt. Wir machen Therapien nicht basierend auf Vermutungen. Wir wollen in der mikrobiologischen Analyse sehen, ob tatsächlich die hs-CRP erhöht und die IDO aktiviert ist. Das zeigt uns an, ob wir es mit einer silent inflammation zu tun haben. Die PPS-Antikörper geben uns Hinweise, ob Entzündung und IDO-Aktivitätserhöhung auch tatsächlich auf bakteriellem Angriff beruhen und nicht etwa auf den anderen IDO-Stimulatoren Stress, Nikotin, Übergewicht.

Wenn Patienten zur Neuromodulations-/Ketaminbehandlung zu Ihnen kommen, raten Sie dann zur zusätzlichen Minocyclintherapie?

Nein, nicht grundsätzlich. Wir raten aber zum „Silent-Inflammation-Check“ und erst in Abhängigkeit vom Ergebnis zur Antibiose oder zusätzlichen Maßnahmen.

Ist die adjuvante Minocyclin-Behandlung teuer?

Sie ist sicher nicht preiswert. Denn zu den Medikamentenkosten (die bei zusätzlichen naturheilkundlichen Medikamenten zur IDO-Modulation, Tryptophan-Substitution, Entzündungshemmung etc.) kommen noch die Kosten der mikrobiologischen Tests (etwa 128 €), die Beratungskosten und Maßnahmen wie hochdosierte Vitamin C-Infusionen. Das bewegt sich in Größenordnungen zwischen insgesamt 200 und 400 €.

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